Neue Wörter – neue Geschichte

Es wurde wieder eingeladen zur Zehnwortgeschichte.

Die Wörter fand ich dieses Mal schwerer als beim letzten Mal. Brauchte erstmal einen Moment (und Google – ich gebs zu) um mir etwas zurecht zu basteln. Nachdem ich beim ersten Versuch irgendwie eine Polizistin erschaffen hatte, wollte ich dies gerne wieder aufgreifen. Und nachdem der Text nun geschrieben ist, habe ich mir auch eine persönliche neue Herausforderung zurechtgelegt und ich möchte die Geschichte mit den nächsten 10 Wörtern dann weiterschreiben. Mal schaun, wie weit ich dabei komme.

Die Zeitangabe habe ich diese Mal noch weniger eingehalten als bei meinem ersten Versuch. Ich denke ich habe knapp 2 Stunden gebraucht. Rückmeldungen aller Art sind sehr willkommen. (Sehr lang geworden!)

 

Ich sitze nervös im Restaurant. Italienisch, er hatte es ausgesucht. Das Beste in der Stadt meinte er. Besser italienisch hätte er außerhalb von Italien bisher nur in Wien gegessen. Wie nannte er es noch genau, eine unvergessliche Oralfreude. Ich musste lachen als er mir das Restaurant damit schmackhaft machen wollte. Ich blicke erneut auf die Uhr und frage mich warum ich bloß 20 Minuten zu früh da sein musste. Ich habe das Gefühl alle starren mich an und denken sich, ach die arme Frau sitzt ganz alleine im Restaurant, wurde wohl versetzt. Nachdem mich der Kellner erneut angesprochen hat bestelle ich dann doch ein Glas Wasser, damit ich wenigstens irgendwas hatte woran ich mich festhalten konnte.

Ich bin nervös, weiß gar nicht wann ich das letzte Mal so nervös war. Meine Arbeit hat dies anfangs auch noch geschafft, aber man wird ruhiger mit der Zeit, obwohl ein bisschen Nervosität und Angst immer dazu gehört, so bleibt man wachsam. Aber dieses Date macht mich definitiv nervöser als sonst etwas. Bisher hatten wir nur telefoniert und ab und an mal eine Mail geschrieben, persönlich treffen ist dann doch gleich nochmal ein Schritt vorwärts. Wir haben bereits Fotos ausgetauscht, daher gilt Blind-Date hier nicht mehr, aber gerade bei den Fotos sucht man wahrscheinlich das Beste das man finden kann. Wie sehr dies dann der Wahrheit entspricht ist eine ganz andere Geschichte.

Ich blicke erneut nervös auf die Uhr während ich an meinem Wasserglas nippe. Noch fünf Minuten, meine Nervosität steigt nochmal an. Ich dachte nicht, dass das möglich sei. Ich blicke mich im Restaurant um und entdecke den Kellner, der mich bedient hat. Er grinst mich an. Warum grinst der mich so an, denke ich mir, als ich ihn plötzlich sehe. Der Kellner zeigt in meine Richtung. Er lächelt, hebt die Hand zum Gruß und macht sich auf den Weg zu mir. Definitiv besser als das Foto denke ich mir als ich aufstehe, um ihn zu begrüßen.

Wir schütteln uns die Hand, doch er kommt näher und küsst mich auf die rechte dann auf die linke Wange. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wahrscheinlich habe ich mich auch genauso dabei angestellt. Als wir uns wieder hinsetzen lächelt er mich nur an und sagt „Wir sind für heute in Italien, da macht man das so.“ Ich lächle zurück.

Er bestellt eine Flasche Wein für uns und der Kellner bringt gleichzeitig mit dem Wein die Speisekarte. Ich kenne mich mit italienischer Küche nicht aus, außer Pizza und Spaghetti natürlich, aber ich denke das wäre hier und heute unpassend. Ich blättere also in der Speisekarte und entscheide mich letztlich für ein Risotto alla milanese während er sich Osso Bucco bestellt. Bei Risotto weiß ich wenigstens, dass es sich um Reis handelt, was er sich bestellt hat bleibt mir jedoch rätselhaft, möchte mir aber die Blöße auch nicht geben und ihn danach fragen. Ich werde es dann ja schon sehen denke ich mir.

Nach dem Essen entschuldigt er sich kurz auf die Toilette. Ich lächle, eigentlich ist das doch ein Frauending, um das Makeup nach dem Essen zu checken. Nachdem er den Tisch verlassen hat atme ich tief durch, und versuche mir erneut in Erinnerung zu rufen, dass ich nicht träume sondern diesen tollen Abend wirklich erlebe.

Plötzlich höre ich mein Handy in meiner Tasche vibrieren. Ich hatte es lautlos gestellt, es ganz abzuschalten hatte ich nicht geschafft. Ich überlege kurz und denke mir dann aber, da mein Date ja grad nicht da ist, kann ich ja zumindest mal nachsehen wer es denn ist. Als ich auf Display blicke wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Einen kleinen Moment spiele ich mit dem Gedanken nicht zu antworten, weiß aber im selben Augenblick, dass ich meine innere Ruhe den ganzen Abend nicht mehr finden würde, wenn ich dies mache.

Ich drücke also die ‚Antworten-Taste‘ und verzichte auf das höfliche Hallo.

„Ich hoffe es ist wichtig sonst bezahlst du einen Monat lang meinen Kaffee.“

Ich höre meinem Partner am anderen Ende der Leitung zu und bemerke nicht, wie mein Date wieder an den Tisch zurückkommt.

„Ich bin am anderen Ende der Stadt, treffen wir uns gleich direkt vor Ort. Ich kann in 15 Minuten dort sein. Bye!“

Ich nehme das Telefon runter und merke erst jetzt, dass meine Begleitung bereits zurückgekehrt ist. Ich lächle nervös, er sieht mich besorgt an.

„Ist alles in Ordnung?“ fragt er mich

Ich überlege kurz, was ich ihm sagen soll oder besser noch, was ich ihm überhaupt sagen kann. Er weiß, dass ich Polizistin bin, aber ansonsten haben wir über meinen Job noch nicht viel gesprochen. Wie auch, ich kann ihm doch beim Kennenlernen nicht von den Schattenseiten der Stadt erzählen.

Ich spüre eine Hand auf meiner und kehre zurück in die Realität. Ich versuche zu lächeln. Ich vermute es gelingt mir nicht wirklich, zumindest sieht er mich immer noch besorgt an.

So ein Reinfall schwirrt durch meinen Kopf. Ich ziehe meine Hand sanft zurück und nehme meine Tasche.

„Es tut mir sehr leid. Das war mein Partner am Telefon. Unsere Dienststelle ist unterbesetzt heute Nacht und ich muss daher leider dringend zur Arbeit.“

Das muss reichen, mehr kann ich nicht sagen. Hoffentlich fragt er mich nicht, ob oder gar was denn passiert ist. Ich möchte ihn nicht bei unserem ersten Date belügen müssen. Unser Kellner geht gerade an unserem Tisch vorbei und ich nutze die Chance, um ihm ein leises „Zahlen, bitte!“ zuzurufen. Ich kann ihn doch nicht bezahlen lassen, wenn ich ihm schon davonlaufe, denke ich mir dabei noch. Dann krame ich in meiner Tasche nach meiner Geldbörse während ich immer noch auf seine Reaktion warte. Als ich meine Geldbörse gefunden habe lege ich sie langsam auf den Tisch. Ich muss ihn nun wieder ansehen, kann ihn nicht länger ignorieren. Gesagt hat er leider immer noch nichts.

Ich hebe den Kopf und blicke in ein trauriges Gesicht. „Es tut mir sehr leid“, sage ich erneut. Und bevor ich wirklich nachgedacht habe, sage ich als nächstes „Ich mache das beim nächsten Mal wieder gut, versprochen!“ Beim nächsten Mal, hatte sie das gerade wirklich gesagt. Wahrscheinlich will er gar kein nächstes Mal nach diesem Abend.

Dieses Mal unterbricht uns der Kellner mit der Rechnung. „Alles zusammen?“ fragt er als er an den Tisch tritt. Bevor ich etwas sagen konnte, höre ich von ihm ein freundliches „Selbstverständlich“ Er bezahlt also die komplette Rechnung und gibt auch noch saftiges Trinkgeld. Ich blicke auf die Uhr und werde langsam nervös. 15 Minuten hatte ich versprochen, aber die Tatsache, dass er nun auch noch alles bezahlt hat, macht das Aufstehen und Gehen jetzt nicht gerade einfacher. Doch er überrascht mich erneut, als er aufsteht und mir seine Hand reicht.

„Komm ich bring dich noch zum Auto.“

Er stellt keine Fragen. Wie perfekt können ein Date und ein Mann sein, bevor es zu perfekt wird. Ich parke direkt am Hinterausgang des Restaurants, daher haben wir auch nicht mehr viel Zeit zu reden, während er mich begleitet. Ich krame in meiner Tasche nach meinem Schlüssel. Er öffnet mir die Tür, wie der perfekte Gentleman. Bevor ich einsteige, drehe ich mich nochmal zu ihn um. Wir verabschieden uns italienisch mit einem Küsschen auf jede Wange.

„Ruf mich an“ sagt er noch als ich in den Wagen steige. Ich lächle ihn an, dieses Mal ist es ein einfaches und ehrliches Lächeln und dann mache ich mich auf den Weg zum Tatort.

Als ich am Hotel ankomme, erwartet mich Michael, mein Partner, schon in der Eingangshalle. Neben ihm steht ein dünner groß gewachsener junger Mann. Er stellt sich mir als ‚Herr Rittberger‘ vor, nachdem ich ihm meine Marke gezeigt habe. Er ist blass und wirkt sehr nervös und nachdem er uns in ein kleines Büro hinter den Empfangsbereich führt, beginnt er zu erzählen.

„In Zimmer 515 hat heute Morgen eine Frau Falling eingecheckt. Sie erzählte freudig an der Rezeption, dass sie extra angereist sei um das Laurie Anderson Konzert heute Abend zu besuchen. Sie hatte mich gebeten, sie pünktlich um 18:30 Uhr anzurufen. Sie hatte wohl Angst zu verschlafen und das Konzert zu verpassen. Ich habe also angerufen, aber es hat keiner geantwortet. Ich dachte mir, dass sie vielleicht im Bad sei. 15 Minuten später habe ich es erneut versucht, aber es hat wieder keiner geantwortet. Ich bin dann also nach oben gegangen, ich wollte nicht daran schuld sein, dass sie ihr Konzert verpasst und habe an die Türe geklopft. Als ich wieder kein Glück hatte, bin ich mit meinem Schlüssel ins Zimmer gegangen und.“

Er war noch blasser geworden und konnte nicht weiter sprechen. Er würgte und schüttelte den Kopf als könne er dadurch die Erinnerungen loswerden. Es muss wohl kein schöner Anblick gewesen sein, denke ich mir.

Wir verabschiedeten uns vorerst von Herrn Rittberger teilten ihm jedoch auch gleich mit, dass wir noch einmal genauer mit ihm sprechen müssten. Danach war es Zeit sich den Tatort selbst genauer anzusehen.

Auf dem Weg in den fünften Stock erklärt mir Michael nur kurz, dass die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner bereits vor Ort seien. Ansonsten wurde nichts weiter gesprochen.

Als wir Zimmer 515 betreten stockt auch mir kurz der Atem. Der Anblick, der einem dort geboten wird ist wahrlich kein schöner. Eine junge Frau, Anfang bis Mitte 30, lag dort nackt und mit Händen und Füßen ans Bett gefesselt. Michael und ich traten näher. Eine blutverkrustete Lippe und ein Rinnsal an getrocknetem Blut von der rechten Augenbraue bis zum Hals zeigten, dass sie wohl mehrfach geschlagen wurde. Sie hatte Schaum vorm Mund.

„Wurde Sie vergiftet?“ frage ich eigentlich mehr zu mir selbst als zu allen anderen. Der Gerichtsmediziner blickt hoch und antwortet kurz und sachlich.

„Sie wurde definitiv brutal vergewaltigt und geschlagen. Ob sie vergiftet wurde werden wir erst später wissen.“

Ich nicke ihm kurz zu und blicke mich dann weiter im Zimmer um und entdecke dabei etwas eingeklemmt zwischen Matratze und Bettrahmen. Ich streife mir einen Handschuh über und ziehe einen kleinen etwas eigenartig aussehenden Pinsel hervor.

„Was ist das?“ frage ich als ich mich zu den anderen umdrehe.

Der Gerichtsmediziner steht auf uns sieht sich den Pinsel näher an.

„Das ist ein Bauchpinsel! Wird zur Massage und Sinneserweckung eingesetzt. Sehr entspannend!“

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Ich sehe mir den Pinsel genauer an und blicke dann erneut zur Leiche.

„Ich denke hier war es alles andere als sehr entspannend!“

Das Lächeln verschwindet unmittelbar aus dem Gesicht des Gerichtsmediziners. Ich packe den Pinsel in eine Tüte und drehe mich zu Michael.

„Was denkst du?“

„Ich denke, dass wir von nun an wohl ein paar Schichten zusätzlich arbeiten werden.“

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2 Gedanken zu “Neue Wörter – neue Geschichte

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