Für immer geliebt, nie vergessen!

Schon gestern Abend bin ich hier gesessen und habe überlegt, ob und was ich hier schreiben soll. Das Hier und Jetzt ist immer noch wenig präsent im Moment für mich, ich bin gedanklich immer noch in der Vergangenheit, genau gesagt 5 Jahre in der Vergangenheit. Doch bald werde ich meinen Weg in das Jetzt zurückfinden können. Es wird kein Vergessen sein aber der Schmerz wird wieder etwas nachlassen und erträglicher werden.

Heute habe ich beschlossen ich möchte meine Geschichte hier erzählen. Nicht für Andere sondern für mich, obwohl ich mich natürlich freue, wenn meine Geschichte gelesen wird, weil ich sie vor allem Schreibe, damit mein Sohn auch für Andere unvergessen bleibt oder zumindest auch existiert hat.

Vor ein paar Tagen habe ich von meiner Tochter und ihrem epileptischen Anfall erzählt. Wir haben damals 2 Nächte im Krankenhaus verbracht, weil die Ärzte sie aufgrund des veränderten Anfallsverlaufes näher beobachten wollten. Am 16.9.09 sind wir dann also wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden und wir waren froh endlich wieder zuhause zu sein und vor allem mit recht positiven Worten der Ärzte und meiner Tochter ging es wieder gut, sie war der gleiche Wirbelwind wie immer. An diesem Tag abends als unsere Tochter im Bett war, habe ich das erste mal nun bewusst nachgedacht darüber, ob ich eigentlich unser Baby heute schon gespürt hätte und ich konnte mich nicht erinnern aber ich beruhigte mich selbst mit dem Wissen, dass ich morgen sowieso eine Kontrolle beim Arzt habe.

17.9.09
Ein ganz normaler Tag. Ich brachte morgens unsere Tochter zu meiner Mutter, aufgrund des Krankenhausaufenthaltes wollte ich sie noch ein wenig schonen und hab sie deshalb nicht in den Kindergarten gebracht. Bevor ich zur Arbeit gefahren bin, hat mir unsere Maus noch gesagt, wie sehr sich sich schon auf das Baby-Fernsehen am Nachmittag freut. Ich hatte ihr versprochen, dass sie heute zur Untersuchung mitkommen darf und ihr Geschwisterchen sind endlich auch mal ansehen darf.
Es war ein ganz normaler Tag in der Arbeit, aufgrund meines Termines beim Arzt bin ich früher wieder heimgefahren. Ich war fröhlich und habe mich so darauf gefreut unseren Bauchzwerg endlich wieder zu sehen, die letzte Untersuchung lag schon Wochen zurück. Es war ziemlich genau 16:30 als ich endlich dran war. Meine Mutter und unserer Tochter waren mit dabei beim Termin, mein Mann hatte leider keine Zeit. Als ich aufgerufen wurde ging ich zuerst mal alleine, meine Tochter sollte später mit meiner Mutter dann nachkommen. Zuerst die Standarddinge, Gewicht, Blutdruck, Urinprobe, Blutabnahme – alle Daten rein in den Mutter-Kind-Pass und dann war es endlich so weit, ab zum Ultraschall.
Ich lag auf dem Stuhl und freut mich darauf unsere Baby zu sehen. Ich starrte auf den Bildschirm und da war es. Ich lächelte als ich es sah, doch im gleichen Moment wusste ich instinktiv, da stimmt was nicht. Weiter Ultraschall kein Wort hat mein Frauenarzt gesprochen. Das war nicht seine Art und ich starrte immer noch auf den Bildschirm und plötzlich wurde es mir schlagartig bewusst was hier nicht stimmte. Es fehlte etwas! Es fehlte dieses konstante kleine blinken am Bildschirm. Mein Frauenarzt schwieg immer noch, ich drehte meinen Kopf zur Seite und schloss meine Augen, ich konnte nicht länger hinsehen. Und dann endlich sprach mein Arzt. Ich habe ihn angesehen direkt angesehen als er mir sagte „Es tut mir so leid, aber das Herz ihres Babys schlägt nicht mehr“. Was ich in diesem Moment gefühlt habe kann ich unmöglich in Worte fassen, nicht heute und wahrscheinlich auch zu keinem anderne Zeitpunkt. Ich weiß jedoch noch genau, was ich geantwortet habe. „Nein nicht nochmal“ waren meine ersten Worte. Wir hatten schon zwei Kinder in einem früheren Stadium der Schwangerschaft verloren und ich wollte, ich konnte dies nicht nochmal durchstehen.
Danach wollte ich nur noch runter von diesem Stuhl. Der Arzt hat meine Mutter dazugeholt und ich bin in ihren Armen zuerst einmal mitten im Arztzimmer zusammengebrochen. Meine Tochter wartete draußen bei der Ordinationshilfe. Nach einigen Minuten habe ich auf Funktionieren umgeschaltet. Die Tränen versiegten und ich holte unsere Tochter dazu, die ich dann erstmal ganz fest gedrückt habe. Sie hat überhaupt nicht verstanden was vor sich geht, wie auch, sie war zu dem Zeitpunkt 4 1/2 Jahre alt aber instinktiv hat sie wohl gespürt, dass etwas passiert ist. Sie hat nicht nach dem Baby gefragt als wir sie geholt haben, sondern sich einfach auf meinem Schoß gesetzt und sich ganz fest an mich gekuschelt. Der Arzt erklärte uns dann noch wie es jetzt weitergehen sollte, obwohl ich alles gehört habe, was er gesagt hat, wirklich registriert habe ich das wenigste.
Als wir wieder zuhause waren, wartete noch die schwierigste Aufgabe auf mich. ich musste meinem Mann sagen, dass unser Baby tot ist. Die Tatsache, dass ich es selbst aussprechen musste als ich ihm die Nachricht überbrachte, machte es plötzlich so real. Unser Baby war gestorben ohne dass es diese Welt je sehen durfte, ohne dass wir es je kennenlernen durften.

18.9.09
Am nächsten Morgen sind wir nach einer schlaflosen Nacht ins Krankenhaus gefahren. Mein Wunschkrankenhaus, wo meine Tochter schon auf die Welt kam und für sie damals schon so gut gesorgt wurde (aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag). Ich wurde auf der Ambulanz nochmal untersucht, jedoch nur um die gleiche Diagnose nochmal zu bekommen und nochmal erklärt zu bekomme, wie das ganze nun ablaufen würde. Danach wurde ich stationär aufgenommen und musste mit der Bestätigung zur Anmeldung. Die Dame an der Anmeldung nimmt meinen Zettel von der Ambulanz entgegen und sagt „Sie kommen also zur Geburt!“ Ich kann nicht sprechen, nicke nur. Sie tippt alles rein in ihren Computer und reicht mir die Mappe mit allen Unterlagen und erklärt mir wo wir nun hin müssten. Ich schaue Sie entgeistert an als sie uns auf die Geburtenstation schickt und frage verzweifelt „Die Geburtenstation?“ sie sieht mich daraufhin an und meint „Sie kommen ja zur Geburt“. Ich kann daraufhin nichts mehr sagen. Ich wurde panisch, habe fürchterlich geweint und ich war sprachlos. Mein Mann hat die Initiative ergriffen und schreit die Dame an der Anmeldung an „Unser Baby ist tot und sie wollen uns auf die Geburtenstation legen zu all den Müttern und Babys“ Die Dame hat daraufhin telefoniert und bekam ich wurde dann auf die Gynäkologie eingewiesen. Die Dame hat sich nicht entschuldigt oder auch nur ein nettes Wort gesagt. Ich denke das war unsere erste Begegnung mit einem Menschen, der nicht wusste wie er mit der Situation, die einem gegenüber steht, umgehen sollte. Als wir auf der Station ankamen wurden wir dort sehr herzlich empfangen und vor allem haben sich dort alle für den anfänglichen Fehler mit der Geburtenstation entschuldigt. Ich bekam dann ein Zimmer für mich alleine und mein Mann durfte ebenfalls bleiben. Dann wurde begonnen die Geburt einzuleiten und das Warten begann ebenfalls. Man sagte uns es könne Tage dauern.
Zum Glück dauerte es keine Tage, ich denke das hätte ich nicht durchgestanden. Um etwa 17 Uhr genau einen Tag nachdem uns der Frauenarzt gesagt hat, dass unser Baby tot ist, setzten die Wehen bei mir ein. Um etwa 22 Uhr ging es in den Kreißsaal. Zu diesem Zeitpunkt war ich die einzige Geburt für diese Nacht und die Hebamme war unglaublich. Ein totes Kind auf die Welt zu bringen ist auch für sie nichts alltägliches aber sie war für uns da, unglaublich fürsorglich. Sie war eine große Hilfe. Ich hatte große Schmerzen, die leider auch durch verschiedenste Schmerzmittel nicht wirklich gelindert werden konnten und dann passierte auch noch das wovor ich am meisten Angst hatte, eine zweite Mutter wurde um ca. 23 Uhr in den Kreißsaal gebracht, um ihr Baby auf die Welt zu bringen. Es war ca. 1:30 als das Baby der anderen Mutter zur Welt kam. Ich konnte das Baby im Nebenzimmer weinen hören. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen und wusste ich würde diesen entscheidenden Moment des ersten Schreis nie erleben dürfen. Ich weiß noch ich habe gefleht, dass das endlich aufhört. Ich war am Ende mit meinen Kräften, ich wollte das alles einfach nur vorbei ist. Ich wollte aufwachen aus diesem fürchterlichen Alptraum.
Die Hebamme gab mir dann nochmal Kraft. Und um 2:18 Uhr am 19.09.2009 (was für ein schönes Datum) wurde unser Sohn geboren. Unmittelbar nach der Geburt war ich erstmal nur stolz, stolz unseren Sohn geboren zu haben. Die Hebamme hatte uns im Vorfeld schon gefragt, ob wir das Baby nach der Geburt sehen möchten. Für mich war das von Anfang an klar, ich wusste ich musste es sehen und es halten. Mein Mann hat anfangs gesagt, dass er es nicht kann. Ich habe es ihm frei gestellt und gesagt er muss die Entscheidung alleine treffen. Als unser Sohn dann aber da war, konnte auch er nicht anders, er musste ihn einfach ansehen. Sie Hebamme hat ihn uns dann gebracht, warm eingepackt und ihn auf meine Brust gelegt. Er war wunderschön, einfach perfekt und wie wir später dann erfahren haben, war er auch kerngesund. Die Nabelschnur hatte sich verknotet (wie wenn man einen Gartenschlauch knickt) und der kleine Mann wurde daher nicht mehr versorgt. Ich habe mir bis heute verboten näher darüber nachzudenken was das für ihn im Bauch bedeutet hat und werde auch heute nicht damit anfangen darüber nachzudenken, zu viele schlimme Gedanken kommen hierbei gleich hoch.
Wir durften unseren Sohn halten so lange wir wollten und haben ihn dann schweren Herzens wieder an die Hebamme übergeben, die uns versprach, dass wir ihn am Morgen nochmal sehen dürfen, wenn wir möchten. Es war fast 5 Uhr morgens als ich zurück auf mein Zimmer gebracht wurde. Die Frage, ob ich etwas Unterstützendes zum Schlafen brauchen würde, verneinte ich. Ich war so unglaublich erschöpft zu diesem Zeitpunkt dass ich recht schnell dann auch wirklich eingeschlafen bin.
Das Aufwachen etwa 3 Stunden später war die Hölle. Da ist in einem Moment wieder alles auf mich hereingebrochen und ich hatte einen totalen Zusammenbruch. Ich weiß noch, dass eine Therapeutin bei mir war, die mit mir gesprochen hat, aber zu diesem Zeitpunkt wollte ich nur, dass sie wieder geht. Heute weiß ich, dass das damals viel zu früh war, viel viel später hätte ich eventuell Hilfe gebraucht, nach diesem absolut unnützen Erlebnis im Krankenhaus habe ich es jedoch nie wieder mit einem Therapeuten versucht (bis heute nicht). Aber ich hatte damals im Krankenhaus ein unglaubliches Gespräch mit einer Seelsorgerin und ich weiß bis heute nicht wie sie es gemacht hat und ich kann mich auch nicht mehr wirklich erinnern worüber wir genau gesprochen habe, aber sie holte mich aus meinem totalen Zusammenbruch wieder raus.
Ich habe einen Tag später mit gebrochenem Herzen und ohne unseren Sohn das Krankenhaus wieder verlassen. 5 Tage später wurde er in einer kleinen Feier am Familiengrab beerdigt. Ein großer Dank geht hier an den Pfarrer unserer kleinen Gemeinde, der sich sofort bereit erklärt hat die Beerdigung durchzuführen und dies sogar kostenlos übernommen hat. Heute weiß ich aus Gesprächen mit anderen Betroffenen, dass das nicht immer so problemlos läuft.

Unser Sohn bekam von uns den wundervollen Namen „Michael Paul“.
Michael vom Erzengel Michael, dessen Name „Wer ist wie Gott“ bedeutet. Er ist der mächtigste der Erzengel, also ein ganz Großer! Paul bedeutet „der Kleine“.
Die Kombination war für uns perfekt, denn unser Sohn ist für uns einfach der größte und mächtigste obwohl er noch so klein war!

Es vergeht kein Tag an dem ich nicht an ihn denke. Der Schmerz wird ewig bleiben, er wird ewig eine Lücke im Herzen hinterlassen.

Happy Birthday, Michael Paul!
Wir lieben dich über alles!
Wir werden dich nie vergessen!
Du wirst immer ein Teil von uns sein!

Sollte jemand wirklich bis hierhin gelesen habe, möchte ich mich herzlich dafür bedanken. Es war für mich wohl der bisher schwierigste Text den ich je geschrieben habe. Ich habe nun mehrere Stunden daran gesessen und habe vor allem unzählige Tränen dabei geweint. Ich habe den Text nicht nochmal gelesen, dazu bin ich jetzt nicht stark genug (vielleicht werd ich das sogar nun länger nicht können) sollte es daher Fehler, unvollständige oder unzusammenhängende Sätze geben, bitte ich dies zu entschuldigen.

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10 Gedanken zu “Für immer geliebt, nie vergessen!

  1. Mir fehlen die Worte. Tränen auch bei mir. Vergiss nicht: Du bist stark. Und du hast eine wundervolle Tochter. Erzähl deine Geschichte weiter, es wird dir helfen, weiter zu heilen, so gut es halt geht. Ich umarme dich!

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  2. Liebe Ingrid !

    Du bist unglaublich mutig und stark, die Geschichte deines Sohns Michael Paul hier zu veröffentlichen. Ich bewundere dich dafür und ich bin berührt von deinen starken Gefühlen. Ich fühle, dass er weiß, wie sehr seine Eltern ihn lieben, wo auch immer er jetzt auch sein mag. Mir kommen auch die Tränen. Ich nehme dich in meine Arme und halte dich fest.

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    • Danke! Ich habe mich nie als stark gesehen, ganz im Gegenteil fühle ich mich sehr schwach. Leider bekommt man dies auch sehr viel von anderen so vermittelt. Es sind doch schon fünf Jahre es sollte jetzt mal gut sein mit dem Trauern. Ich erzähle meine Geschichte hier weil unser Sohn bei allen anderen schon längst vergessen ist, für Andere hat er nie wirklich existiert aber für uns war und ist er unvergessen!!
      Danke nochmal für die lieben Worte!

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      • Liebe Ingrid !

        Du hast den Tod deines Kindes, deines Sohnes überstanden. Wenn du nicht stark bist, wer dann? Ich denke, dass Trauer etwas sehr Individuelles ist, da gibt es keinen Zeitpunkt, wo es genug ist. Ich glaube auch, dass Eltern den Tod ihres Kindes nie ganz überwinden. Danke, dass du diese sehr intime Geschichte erzählt hast. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Stärke !

        Herzliche Grüße,

        Caroline

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