Alles Arbeit

Mein Alltag besteht im Moment fast ausschließlich aus Arbeit. Gestern hatte ich mit 17 Stunden an einem Tag meine persönliche Höchstzahl. Und diese Woche waren es schon 60 Stunden und es werden am Wochenende noch welche dazu kommen. 

Und was das eigenartige daran ist – es stört mich kein bisschen! Bei der Arbeit geht es mir einfach am Besten! Ich hab kaum Schmerzen und ich fühl mich einfach wohl. Ich bin zufrieden weil die Arbeit nicht liegen bleibt. Nach meinem langen Tag gestern hab ich so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. 

Auch das schlechte Gewissen meiner Tochter gegenüber ist kaum da, weil mein Mann derzeit nach einer OP 5 Wochen Krankenstand hat und somit jemand für sie da ist. 

Die Arbeit macht meine Tage derzeit schön, da schaff ich es auch alles emotional belastende auszuschalten. 

Ich erzähle es euch, weil ich es sonst nicht kann

2 Wochen sind nun seit unserem wenig erholsamen Urlaub vergangen und seit zwei Wochen geht es mir nun gar nicht besonders gut. Meine, schon bekannten aber seit einiger Zeit nicht mehr aufgetretenen, Gesichtsschmerzen sind zurück. Dieses Mal in der anderen, rechten, Gesichtshälfte und leider in der Intensität teilweise weit über das mir bereits bekannte hinaus. 

Die ersten paar Tage ging es leicht los und wurde dann immer schlimmer. Dann kamen die Tage an denen ich im Büro mit ausreichend Ablenkung noch halbwegs klar kam aber dann zuhause nur noch Schmerzmittel halfen, damit ich überhaupt noch einen klarer Gedanken fassen konnte. Und dann kam der letzte Donnerstag an dem nichts mehr ging. Nachmittags hab ich meinen Hausarzt aufgesucht, der mir nun ein spezielles Schmerzmittel verschrieben hat und der, wie ich es eigentlich schon wusste, den Gesichtsnerv für die Schmerzen verantwortlich machte. Mit den Tabletten, die ich nun seit ein paar Tagen regelmäßig nehme geht es etwas besser, aber immer noch gibt es Zeiten an denen die Schmerzen schier unerträglich werden und ich der Verzweiflung sehr nah bin.

Und trotzdem seid ihr, die Leser hier, neben meinem Hausarzt die einzigen die davon wissen dass ich Schmerzen hab. 

Ich habe meiner Bürokollegin und lieben Freundin nichts gesagt, mehrmals lag es mir auf der Zunge und eigentlich sprechen wir über solche Dinge, aber irgend etwas hat mich immer daran gehindert. So habe ich all die Tage im Büto verbracht mit einem gespielten Lächeln im Gesicht und gespielter Fröhlichkeit. 

Ich habe meinem Mann nichts gesagt. Er ist selber nun schon seid über einer Woche wieder im Krankenstand und in ein paar Tagen hat er OP Termin. Nichts Großes aber trotzdem macht es natürlich immer Sorgen und danach steht uns noch ein cirka 4 Wochen langer Krankenstand ins Haus. 

Auch meiner Mutter hab ich nichts gesagt. Erst vor ein paar Tagen war ich bei ihr und wir haben uns lange unterhalten. Innerlich hatte ich gehofft, dass sie merkt das es mir nicht gut geht, aber sie hat im Moment auch selbst genug Probleme. Und obwohl ich mehrfach gedanklich etwas gesagt habe, habe ich es nie wirklich gemacht. 

Und so sitze ich hier nun alleine und erzähle euch davon, weil ich eigentlich schon längst jemanden davon erzählen wollte, aber mich immer irgendwas in meinem Kopf daran hindert. Was genau, das kann ich selber nicht benennen, geschweige denn verstehen. 

Ich habe manchmal so sehr die Nase voll davon immer zu funktionieren. All die Sorgen rund um unsere Tochter, all das Reden und die beruhigenden Worte für sie und zur Bewältigung ihrer Angst kommen von mir. Wenn sie in einer Angstattacke steckt braucht sie mich, so ruft sie mich an wenn ich in der Arbeit bin und ich spreche beruhigend auf sie ein, ermutige sie Spaß zu haben am Leben. Beinahe täglich erreichen mich diese Anrufe im Büro oft mehrmals und manchmal wünsche ich mir einfach nur mal einen sorglosen Tag im Büro an dem ich mich einfach nur auf die Arbeit konzentrieren kann und sonst an nichts denken muss. 

Dazu die Sorgen um meinen Mann. Ich geb Tipps was er noch machen könnte, wir suchen gemeinsam Ärzte und sprechen Möglichkeiten durch. Wir sammeln alte Befunde. Neben den gesundheitlichen Problemen gibt es auch noch Probleme in seiner Arbeit. Kollegen, die schlecht über ihn reden, die ihn in seiner Arbeit eigentlich unterstützen sollten, ihm aber stattdessen nur Steine in den Weg legen. Er kommt mit diesen Sorgen zu mir und ich versuche Lösungen mit ihm zu finden. 

Warum kann ich das nicht? Und damit meine ich nicht, dass da nicht jemand wäre dem ich meine Sorgen erzählen könnte, sondern damit meine ich, dass mich irgend etwas blockiert immer dann wenn ich es nur versuche darüber zu reden was mich beschäftigt, und das obwohl ich mir eigentlich nichts sehnlicher Wünsche als einfach nur mal alles auszukotzen und in Tränen auszubrechen. Warum aber kann ich das nicht?